ANTJE MAJEWSKI | MATHILDE TER HEIJNE
Nur arg weltfremde Geister können heute noch glauben, es gäbe eine hehre Sphäre der Kunst, die außerhalb aller kapitalistischer Verwertungsinteressen stünde. Gleichwohl bedeutet Kunst, immer wieder das „Andere“ zu denken, wozu auch Entwürfe anderer gesellschaftlicher Ordnungen und Ökonomien gehören. Fast wie eine Ethnologin erforscht Mathilde ter Heijne matriarchale Systeme, die nicht auf Hierarchien, sondern auf Netzwerkstrukturen und einer nicht der einseitigen Bereicherung dienenden Tauschwirtschaft beruhen. Das „Olacak!“, auf deutsch etwa „es wird schon werden“, betitelte Projekt von Mathilde ter Heijne, stellt ihre künstlerischen Forschungen gleichsam auf eine praktische Probe. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit mit 75 türkischen Frauen, die alle der 1986 gegründeten „Foundation for the Support of Women’s Work“ angehören. Diese hat sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebens- und ökonomische Situation von Frauen zu verbessern. Dazu gehört auch, dass sie ihre Fähigkeiten in selbständiger handwerklicher Arbeit zur Geltung bringen können. Von Frauen gefertigte Produkte werden seit Anfang 2010 auf einem eigenen Markt in einem Außenbezirk Istanbul angeboten. Dort fand auch die erste festliche Vorführung einer dreißig Meter langen Schlange statt, bei der alle Frauen ihre jeweiligen Fertigkeiten einsetzten. So entstand ein kollektives Kunstwerk, das aber gleichzeitig eine Art rituelles Objekt ist, das symbolisch für die verbindende und befreiende Kraft gemeinschaftlicher Arbeit steht. Wenn die Schlange wie bei einer Prozession durch die Menge getragen wird, sind bei der „Prozession“ in Antje Majewskis gleichnamigem Film vier junge Mädchen unter sich. Ludwig Seyfarth
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