ANTJE MAJEWSKI | MATHILDE TER HEIJNE
30. Apr – 18. Jun 2011

Mathilde ter Heijne OLACAK

Nur arg weltfremde Geister können heute noch glauben, es gäbe eine hehre Sphäre der Kunst, die außerhalb aller kapitalistischer Verwertungsinteressen stünde. Gleichwohl bedeutet Kunst, immer wieder das „Andere“ zu denken, wozu auch Entwürfe anderer gesellschaftlicher Ordnungen und Ökonomien gehören. Fast wie eine Ethnologin erforscht Mathilde ter Heijne matriarchale Systeme, die nicht auf Hierarchien, sondern auf Netzwerkstrukturen und einer nicht der einseitigen Bereicherung dienenden Tauschwirtschaft beruhen.

Das „Olacak!“, auf deutsch etwa „es wird schon werden“, betitelte Projekt von Mathilde ter Heijne, stellt ihre künstlerischen Forschungen gleichsam auf eine praktische Probe. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit mit 75 türkischen Frauen, die alle der 1986 gegründeten „Foundation for the Support of Women’s Work“ angehören. Diese hat sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebens- und ökonomische Situation von Frauen zu verbessern. Dazu gehört auch, dass sie ihre Fähigkeiten in selbständiger handwerklicher Arbeit zur Geltung bringen können. Von Frauen gefertigte Produkte werden seit Anfang 2010 auf einem eigenen Markt in einem Außenbezirk Istanbul angeboten. Dort fand auch die erste festliche Vorführung einer dreißig Meter langen Schlange statt, bei der alle Frauen ihre jeweiligen Fertigkeiten einsetzten. So entstand ein kollektives Kunstwerk, das aber gleichzeitig eine Art rituelles Objekt ist, das symbolisch für die verbindende und befreiende Kraft gemeinschaftlicher Arbeit steht.

Wenn die Schlange wie bei einer Prozession durch die Menge getragen wird, sind bei der „Prozession“ in Antje Majewskis gleichnamigem Film vier junge Mädchen unter sich.
Auch hier geht es um eine Art Selbstermächtigung, um das freie Spiel mit Rollen, Kleidern und Requisiten, in dem Teenager sich in die Rolle der erwachsenen Frau gleichsam hineinspielen. Es handelt sich um eine Art Weiterführung von „Teenage Pantomime“ (2002), einer in Buchform publizierten Serie von Fotografien, die Antje Majewski im Teenageralter von den teilweise verrückten Verkleidungen und Maskeraden gemacht hatte, an denen sie und ihre beiden Schwestern offenbar großen Spaß hatten.
Bei den Akteurinnen der „Prozession“ handelt es sich gleichsam um die nächste Generation, um die Nichte der Künstlerin und ihre Freundinnen. Sie tragen bunte, mit Pailletten besetzte Kleider sowie farbige Papierobjekte, die schließlich wie „Opfer“ ins Wasser gelassen werden. In verschiedenen Kulturen existiert das alte Ritual, Papierobjekte dem Wasser zu übergeben. Sie können Geschenke an eine Meeresgöttin sein, aber auch dem Totengedenken dienen. Die Handlungen der Mädchen, deren Ausführung sie großenteils selbst bestimmt haben, folgen keinem rituellen oder religiösen „Sinn“. Sie beruhen, wie das Rollen- und (Ver)kleidungsspiel, vor allem auf dem Einverständnis eines gemeinsamen Tuns, das vor allem der Steigerung der Lebensfreude dient und jenseits konkreter Ziele und Verwertungsinteressen steht. So werden auch die Papierobjekte, die von Antje Majewski hergestellt wurden und somit eigentlich „Werke“ der Künstlerin sind, nicht in den Kunstmarkt eingespeist. Ihre Übergabe ans Wasser stellt aus ökonomischer Sicht eine absichtliche Verschwendung dar.

Ludwig Seyfarth